Ausgelitten II – Gedankensplitter

Der Anruf. „Ich muss dir etwas Schlimmes sagen.“ Etwas Schlimmes sagen. Schlimm. Ja.

„Leberversagen“, höre ich. Alles verschwimmt. „Friedlich eingeschlafen.“ Nein. Die Realität, sie ist nicht mehr. Und wenn, dann ist es die Falsche. Der falsche Film. Gedankensplitter bohren sich ins Hirn. Umschalten, abschalten, ausmachen. Doch er läuft weiter und wie bei „Uhrwerk Orange“, fixiert am Sessel und die Augenlider werden gewaltsam offen gehalten. Fehlt eigentlich nur noch der gute alte Ludwig van.

Tränen helfen nicht.

„Es ging schnell“. Schnell. Für wen? Wenn Stunden zu Tagen, Tage zu Wochen und Wochen in der Wahrnehmung zu Jahre werden, gibt es kein „schnell“. Nur im Resümee. Wann hat denn das angefangen? Im Oktober erste Beschwerden. Im Dezember die Diagnose: Krebs. Das Leben hält den Atem an. Wie lange geht es weiter, ohne Luftholen?

Tränen stechen.

Krebs. Das Wort schmerzt im Herzen. Er frisst dich auf. Quält dich. Nimmt dir alles: Deine Kraft, deine Selbstständigkeit, deine Würde, deine Menschlichkeit. Und wenn es das alles hat und alles, was sonst noch von dir übrig war, nimmt es das letzte, was diese ausgemergelte menschliche Hülle noch hat: dein Leben. Die Hoffnung? Die war da, hat mit ihrem schönen Antlitz gelockt und dann ihre hässliche Fratze gezeigt, während sie sich im selben Moment wieder aufhübscht. Sie darf nicht sterben.

Die Augen brennen.

Hoffnung, sie lebt weiter in uns. Hoffnung auf ein Wiedersehen, irgendwann, zum Beispiel. Hoffnung auf Erlösung. Hoffnung als Licht, selbst in der völligen Finsternis. Ein Licht für die beiden Männer, die mich seit meiner Geburt begleitet und geprägt haben. Bestimmt mehr, als ihnen das überhaupt bewusst war.

Hoffnung dass die Erinnerungen irgendwann nicht mehr wehtun, sondern schön sind. Dass die Tränen sich in ein Lächeln verwandeln. Irgendwann, wenn Hoffnung zu Wissen wird.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie das Leben ohne dich sein wird, mein lieber Bruder. Ich hoffe, dir geht es jetzt endlich wieder gut.

 

Ein Kommentar

  1. du hast so schön geschrieben, meine geliebte Tochter, wir werden ihn sehr vermissen und ich weiß nicht, wie es ohne ihn sein wird.

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