Lang und erfüllt?

„Man soll nicht alt werden“, hat meine Oma immer gesagt. Die Konsequenz – also jung zu sterben – ist allerdings so tragisch und schmerzhaft, dass sie diesen Gedanken geflissentlich ausblendete.

Wenn jemand in hohem Alter stirbt, spricht man gerne von einem „langen, erfüllten Leben“, was natürlich auch ein gewisser Trost für die Hinterbliebenen ist. Aber was bedeutet das, ein „langes, erfülltes Leben“ zu haben? Erfüllt war dein Leben, liebe Oma, mit Liebe, Schmerz, Freude, Enttäuschung, Hoffnung und Traurigkeit. Ganz normal eben. Nun gut, einen Weltkrieg zu überleben und danach die russische Besetzung durchzustehen, sind außergewöhnliche Belastungen. Jeder Schicksalsschlag ebenso. Jede Zeit hat ihre Zeit. Und deren Sand rieselt eben manchmal schnell und manchmal zähflüssig dahin.

Wenn dunkle Gewitterwolken sich zu einem düsteren Orkan formen, der in seiner Schwärze immer weniger Licht durchlässt, bis letztlich nur mehr Dunkelheit herrscht, ist das wohl nicht die Erfüllung, von der man spricht, wenn man an diese Phrase denkt. Erfüllt waren die letzten Jahre mit dieser alles verfinsternden Einsamkeit und einer zusehenden Umnebelung des Geistes. „Man soll nicht alt werden“ meint dann vielleicht eher: nicht so.

Heute hat der Himmel seine Schleusen geöffnet und für dich geweint, so wie du für all deine Lieben über die vielen Jahre bereits bis zur völligen Erschöpfung geweint hast. Ich bin davon überzeugt, dass sie alle auf der anderen Seite auf dich gewartet haben und dich längst wieder in ihre liebevollen Arme schließen konnten. Viele sind von uns im Diesseits ja nicht mehr übrig. Was bleibt? Erinnerungen.

 

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