Verwelkte Freundschaften

Mein Freund ist mein Freund. Also alles, was man sich wünscht und vorstellen kann, manifestiert sich in einer Person. Doch das soll keine Lobeshymne durch die rosa Brille werden. Physisch ist er der einzige hier. Das schreibe ich, weil meine Freundeswelt zum größten Teil online anzutreffen ist. Dennoch kann sich das manchmal etwas einsam anfühlen. Darum habe ich den Sonntag damit verbracht, über das Thema „Freundschaften“ nachzudenken. Und was das eigentlich bedeutet.

Blätter

Den Kindergarten habe ich nicht so gemocht. Ich war lieber für mich zu Hause. Der geborene Stubenhocker. Da ich auch als Kind schüchtern und zurückhaltend war, war es aber wichtig, um mich irgendwie zu sozialisieren und mit anderen Gleichaltrigen zusammenzubringen. Ich bin heute noch froh, dass damals einfach ein Kind auf mich zukam und mich fragte: „Willst du meine Freundin sein?“ Gottseidank habe ich sofort zugestimmt. Für ihn war es ein bisschen mehr als „Freundschaft“. Zahlreiche gemalte und gebastelte Liebeserklärungen folgten, was ich als etwas mühsam empfunden habe. Was weiß schon ein Fünfjähriger von Liebe? Ich jedenfalls wusste nichts davon. Heute tut es mir leid, dass ich keine einzige der Zeichnungen behalten habe. Es sollten für immer die einzigen Liebesbriefe an mich werden. Oder eben Liebeszeichnungen, denn schreiben konnten wir noch nicht.

Wir blieben eben so gut wie es ging befreundet, auch noch in der Volksschule, bis es irgendwann „komisch“ wurde, dass Jungen und Mädchen befreundet waren. Dort jedenfalls kannte ich schon einige Kinder aus dem Kindergarten und ein paar weitere Freundschaften entwickelten sich. Auch wenn das bei uns nicht so war wie in den amerikanischen Serien/Filmen, wo es einerseits die „coolen“ Cheerleader und Footballer gibt, andererseits die nerdigen Loser, gab es die Idee davon. Die „coolen“ Kids, die gab es immer. Das Wort „Nerd“ (und vor allem die positive Besetzung des Begriffs) nicht, aber eben die „nicht-coolen“. Wir waren halt „Sonderlinge“, meine beste Freundin und ich zum Beispiel. Irgendwann fanden die „coolen“ Mädchen Gefallen an mir. Wollten, dass ich zu ihnen gehöre. Aber meine beste Freundin, die wollten sie nicht dabei haben. Heute weiß ich nicht, warum wir so gut befreundet waren (hatten wir doch kaum etwas gemeinsam – sie Pferdenärrin und Katzenliebhaberin, ich gegen beides allergisch), aber damals war für mich klar: Nein. Tjo, meine einzige Chance, „cool“ zu sein habe ich verpasst. Nach der Volksschule habe ich meine damalige beste Freundin genau einmal zum Spielen getroffen. Danach war Schluss. Andere Schule, andere Gesichter. Andere Freundschaften.

Auf dem Gymnasium kannte ich glücklicherweise auch schon ein paar Kinder. Alles war neu und aufregend, jetzt waren wir „groß“. Statt einer Klassenlehrerin gab es plötzlich für jedes Schulfach einen anderen Lehrer, den wir „Professor“ nannten. Man entwickelte sich gemeinsam oder auch auseinander, knüpfte neue Bande und lebte von Pause zu Pause – weil Unterricht ist ja eh blöd, vor allem, wenn man in ein Alter kommt, in dem eigentlich alles irgendwie blöd ist und man denkt, man hätte die Weisheit mit dem Löffel gefressen, obwohl – wie sich später herausstellt – man gar nichts wusste. Auch nicht, was man tatsächlich aus der Schule im späteren Leben brauchen könnte und was nicht. Weil keiner wusste, was aus einem werden würde. Auch wir wussten das nicht. Bei manchen ist das auch heute noch so. Vielleicht schließe ich mich da nicht aus.

Jedenfalls: Natürlich gab es auch hier die sehr „coolen“ Kids und uns, die  „anderen“. Ich stelle mir das gerne so vor wie bei Stephen Kings „ES“ oder „Stranger Things“. Eine Gruppe von Außenseitern, die fest zusammenhält. Wir selbst nannten uns auch „Loser“. Nicht unbedingt, weil wir nicht zu den anderen gehören wollten, sondern wir konnten nicht. Wir häuften keine Kelly-Family-Ordner an (ja, damals musste man sein ganzes Taschengeld für Zeitschriften ausgeben, um die jeweiligen Beiträge der Lieblingsband säuberlich auszuschneiden und zu sammeln. Einen Internetanschluss hatte damals noch niemand. Und ja, die Kelly Family war damals super in!), und trugen auch nicht die Outfits, die damals eben modern waren. Ich weiß gar nicht mehr, was das war. Früh entwickelte ich eine Vorliebe für a) Terry Pratchetts „Scheibenwelt“ (auch die kannte man damals bei uns noch nicht so recht) und b) Musik. Das ging dann in die Richtung Rammstein und Marilyn Manson. Auch wenn ich zugegebenermaßen nicht alle Texte verstand. Der Typ war wütend und als Teenager ist man das oft auch: wütend, und den Grund dafür kennt man selbst meistens gar nicht.

Ich würde jetzt gerne schreiben, dass die damaligen „Coolen“ heute super langweilige Jobs haben und alle „Loser“ – mich eingeschlossen – die interessantesten Sachen machen, aber das kann ich nicht. Denn ich weiß es nicht. Ich habe zu einer einzigen Person Kontakt, mit der ich bereits zur Volksschule ging. Für mich war sie später eine der „Coolen“ (was auch dazu führte, dass wir uns etwas aus den Augen verloren) und zugegeben ich finde, sie macht etwas Cooles.

Man rottete sich zusammen, gemeinsam ist es auf jeden Fall besser als alleine. Das haben die Menschen schon immer so gemacht, sich in Sippen zusammengefunden, um zu überleben. Das Bild des einsamen Wolfes mag vielleicht romantisch sein, aber als Teenager ist es ganz besonders hart, alleine zu sein. Sich ausgeschlossen zu fühlen. Nicht dazuzugehören. Nirgends. Wie sich das anfühlt, erlebte ich nach der fünften Klasse, also nach der ersten Klasse Oberstufe. Dass es in der Oberstufe anders läuft, habe ich nicht kapiert. Dass „lernen“ nicht bedeutet, einfach einen Text zweimal durchzulesen, den man vielleicht nach fünf Minuten noch rekonstruieren kann, in einer Stunde aber alles wieder vergessen hat, war mir nicht klar. Oder es war mir egal. Null-Bock, alles-blöd (hatten wir ja schon) gepaart mit Faulheit, das ist keine gute Mischung. Ich blieb sitzen.

Da war ich also, in einer Klasse voller Fremden. Nur auf die erlösende Pausenklingel wartend, die mich zu meinen Freunden brachte. Wann immer es ging, verbrachte ich die Zeit zwischen den Unterrichtsstunden also bei meinen Freunden, die jetzt nicht nur eine Klasse über mir waren, sondern auch im Gebäude das Klassenzimmer über meinem hatten. Aber etwas hatte sich verändert. Ich konnte nicht über die selben Dinge lachen. Ich wusste nichts über den neuen Lernstoff, sogar die Lehrer waren teilweise andere. Hatten wir keine anderen Themen? Ich gehörte plötzlich nicht mehr dazu. Es fühlte sich an, als wäre ich in der Vergangenheit gefangen und sie wären weitergegangen. Ohne mich. Den Weg zu mir herab hat keiner von ihnen auch nur ein einziges Mal geschafft. Das war dann wohl doch keine „ES“- oder „Stranger Things“-Freundschaft. Die Einsicht, dass jene, die ich als „Freunde“ betrachtete, keine waren, sondern vielmehr eine auf Zeit begrenzte Zweckgemeinschaft, kränkte mich. Sehr.

Es folgte eine Zeit, in der ich ziemlich alleine war. Doch dank dem vermehrten Aufkommen des WWW war es keine einsame Zeit. Ich fand viele Freunde. Leute, die dieselbe Art von Musik mochten, und mir sogar sagen konnten, wie dieses Genre heißt, das mir so gefällt. Abseits von Rammstein und Manson entdeckte ich „Gothic“ für mich. Und viele andere artverwandte Perlen der schwarzen Szene. Ich wurde ein Grufti. Mit Freunden im Internet. (Verlieben kann man sich auch übers Netz, das ist mir zweimal passiert. Jesses!) Welche Freundschaft „von damals“ hat heute noch Bestand? Seit mehr als 20 Jahren habe ich einen Freund, dem ich noch nie gegenübergestanden (oder gesessen – du verstehst den Wink, und weißt, dass ich dich meine, oder?) habe, aber Freundschaft funktioniert auch psychisch. Letztlich waren wir immer füreinander da, so habe ich das jedenfalls empfunden. Ich hoffe, du auch.

Ein paar von „dieser Sorte“ darf ich heute noch meine Freunde nennen. Oft hören wir viele Wochen nichts oder kaum voneinander. Manchmal Monate, manchmal Jahre. Doch dann kommt man wieder in Kontakt oder sieht sich, und es ist, als hätte man sich gestern zuletzt gesehen. Die Vertrautheit ist geblieben. Und ich weiß, wenn ich irgendetwas brauche, etwas wirklich wichtig ist, dann gibt es jemandem, der mir sein Ohr leiht (oder die Augen? Das klingt jetzt etwas krass nach E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“). Ich bin jedenfalls nicht alleine.

In der Erwachsenenbildung – das Pubertätsmonster endlich bezwungen – habe ich gelernt, auf andere zuzugehen. Und auch in „Real“ Freundschaften zu knüpfen. Manchmal auch nur Bekanntschaften, aber das ist in Ordnung. Nicht jeder Freund wird an deinem Grab stehen. Manchmal gabelt sich der Weg und man scheidet auseinander. Manchmal führen die Pfade wieder zusammen und es gibt ein Wiedersehen. Manchmal nicht. Manchmal verwelken Freundschaften auch einfach. Wie Pflanzen, die man zu gießen vergessen hat. Oder wenn es an der Zeit ist, weiterzuziehen und mit anderen neu aufzublühen …

3 Kommentare

  1. Auf viele weitere Jahre 🙂
    Wir hatten die Chance uns zu sehen. Ich war in Wien, Chatty hat mich weggeworfen und Dich hab ich nivht erreicht.

    Wird schon noch klappen. Schließlich war ich mal in Dich verliebt 😉

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