Zentralfriedhof (Wien)

„Das Leben ist bekanntlich sehr schwierig und sehr kompliziert, und es gibt viele Wege zum Zentralfriedhof …“ (Sigmund Freud)

„TEMPUS FUGIT“, „die Zeit flieht“ ermahnt uns die Kirchenuhr. Als wäre das Ticken einer Uhr als Bewusstwerdung des Näherrückens des unvermeidlichen Endes nicht schon genug Ermahnung an die Vergänglichkeit. Die Buchstaben ersetzen die Ziffern des Ziffernblattes. Ein Sieg der Poesie über die kalte Rationalität der Zahlen? Ein schöner Gedanke im Angesicht des Todes.

… Dabei wollten wir Wiener unseren Zentralfriedhof zunächst gar nicht. Er entstand aus einer Not heraus, die viele große Städte in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatten: Es war schlichtweg kein Platz mehr! So stellt sich 1857 die Frage, ob mehrere kleine Friedhöfe errichtet oder ein Großfriedhof angelegt werden sollte. Die Entscheidung fiel für letztere Option. Eine Odyssee um die Findung eines geeigneten Platzes begann. Dieser fand sich schließlich in zwei Grundstücken des heutigen Bezirkes Simmering, die gemeinsam etwa einer Million Tote Platz bieten sollten. Die Windrichtung war günstig, der Boden relativ eben – also wie geschaffen für einen Friedhof. (Außerdem befand er sich weit weg von der Wiener Zivilisation … was aber nicht unbedingt als Pluspunkt gesehen wurde.)

Erst 1870 machte man sich an die Ausschreibung für die Gestaltung des Friedhofs. Die legendäre Wiener Gemütlichkeit – um nicht zu sagen Laissez-faire-Mentalität – zeigt sich auch hier – denn allmählich wurde der Platz für „frische“ Tote immer knapper. Zwei deutsche Architekten – aufgrund deren Abwesenheit die Fertigstellung des Friedhofes besonders lange dauerte – wurden engagiert. Zwei Jahre später wurde der überfüllte St. Marxer Friedhof gesperrt. Der freie Raum für Gräber, so errechnete man, würde nur noch bis 1874 ausreichen. Schon bevor der Zentralfriedhof (1874) eröffnet werden konnte, wurde die rechts vom Hauptportal gelegene Fläche als provisorischer Friedhof benutzt.

Dazwischen brach auch noch ein heftiger Streit aus. Sollte der konfessionslose Zentralfriedhof geweiht werden oder nicht? Schließlich wurde das Debakel auf typisch österreichische Weise geklärt: Im Morgengrauen nahm Kardinal Rauscher die Einweihung in aller Stille vor, während auf einem nahe gelegenen Gelände eine Hasenjagd stattfand. 1874 war es dann endlich so weit: Die Eröffnung stand bevor! Die Begeisterung der Wiener hielt sich aber in Grenzen. Kahl und armselig in der Ausgestaltung machte er nicht viel her und war bevorzugter Tummelplatz für Landstreicher und Tagediebe.

Aber die Beerdigungsprobleme waren wenigstens gelöst, oder? Mitnichten! Der erste strenge Winter machte deutlich, wie weit und mühsam der Weg zum neuen Friedhof war. Die unaufhörlichen Leichenzüge boten für die Anrainer in Simmering einen permanenten deprimierenden Anblick. Auch mit den Staatsbahnen waren anfangs keine Einigungen zu erzielen. Letztendlich baute man die Simmeringer Pferdebahn aus, die 1901 elektrifiziert wurde und seit 1907 „71er“ heißt.

Aber dann erstrahlte der Friedhof mit den Prachtbauwerken doch bald in schönstem Glanz, oder? Nun … die Fertigstellung der geplanten Bauwerke, des Hauptportals, der beiden Leichenhallen, der Kapelle und der Arkadengrüfte verzögerten sich um mehrere Jahrzehnte. 1881 wurde der Grundstein für die heutigen Ehrengräber gelegt: Nämlich mit der Verordnung zur Errichtung von Grabstätten zur Beerdigung „hervorragender, historisch denkwürdiger Personen“. Zwischen 1903 und 1911 erlebte der Friedhof unter Bürgermeister Karl Lueger eine Phase der regen Bautätigkeit. 1905 errichtete der Architekt Hegele den Haupteingang (Tor 2). Neben dem Hauptportal wurden die beiden Leichenhallen für Infektiöse (1907) und Nichtinfektiöse (1906) erbaut. 1904 erfolgte überdies die 5. Erweiterung des Friedhofs, wodurch die erworbenen Grundstücke nun allesamt zur Belegung herangezogen werden konnten.

Die Grundsteinlegung zum Kirchenbau fand 34 Jahre nach der Eröffnung (1908) statt. Deren Initiator Bürgermeister Lueger erlebte allerdings ironischerweise ihre Vollendung (1911) nicht mehr. 1910 wurde er provisorisch bestattet und dann im Unterbau der Kirche beigesetzt. So wurde sie zur – es handelt sich um jene mit der eindrücklichen „TEMPUS FUGIT“-Uhr – Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche. Der Jugendstilbau fasst bis zu 1.600 Trauernde, das Kuppelkreuz befindet sich in einer Höhe von 58,5 Meter über dem Boden. Die Kuppel selbst wird von zwei Pylon artigen Türmen flankiert, an ihrer Rückseite befinden sich Uhr- und Glockentürme. Durch die beiden langen Arkaden, die 70 Grüfte und 768 Nischen enthalten, und deren Abschluss acht flach gewölbte Mausoleen bilden, erzielt die gesamte Anlage die pompöse Wirkung eines Platzes. In der Unterkirche gibt es insgesamt 40 Grüfte. Die Glasfenster stammen aus der Werkstatt Kolo Mosers – einem DER wichtigsten österreichischen Künstler des Fin de Siècle.

Und jetzt? War der Zentralfriedhof jetzt okay? Die deutlich repräsentativere Ausgestaltung und die Errichtung eines zentralen Ehrenhaines fanden Anklang bei den prestigesüchtigen Wienern. „Der Zentral“ etablierte sich allmählich als Stadtfriedhof in den Herzen der Bevölkerung. Mit der Akzeptanz stieg auch die Zahl der Beerdigungen, die sich bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges auf jährlich etwa 19.000 bis 22.000 einpendelte. 1923/24 wurde eine dritte Leichenhalle errichtet. Seither ist die Lage des Grabes dafür ausschlaggebend, in welcher Halle der Leichnam aufgebahrt wird.

Wie ging es weiter? Im zweiten Weltkrieg erlebte auch das Reich der Toten eine schwere Zeit. In den letzten Kriegsmonaten fielen 530 Sprengbomben auf den Friedhof. Dabei wurden 12.000 Gräber und 200 Grüfte ebenso zerstört wie die mächtige Kuppel der Gedächtniskirche. Nach Kriegsende gab es viel zu tun: Rund 4.000 Leichen wurden nicht beerdigt und in den Grünanlagen der Stadt galt es, verscharrtet Tote zu exhumieren.

Die Wunden des Krieges sind auch auf dem Zentralfriedhof längst verheilt. Jahrzehnte hatte seine Fertigstellung gedauert, Hohn und Spott hatten sich über ihn ergossen. Heute jedoch zählt er zu den Sehenswürdigkeiten Wiens. Mit seiner Ausdehnung von 2,5 Mio. m² ist er immer noch einer der größten Friedhöfe Europas und mit seinen mehr als 250 Ehrengräbern ein österreichisches Pantheon. Ungefähr drei Millionen Menschen in mehr als 330.000 Gräbern gewährt der Zentralfriedhof die letzte Heimstatt, 170–300 Menschen gibt er Arbeit. Eine Nekropole ungeheuren Ausmaßes, umgeben von unzähligen Steinmetzbetrieben und auf Trauergesellschaften spezialisierten Gasthäusern.

„Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Toten.“ (Wolfgang Ambros/Joesi Prokopetz)

Einmal im Jahr, zu Allerheiligen und Allerseelen, wird der Zentralfriedhof zum Familienausflugsziel der Wiener und bietet dem unkundigen Betrachter ein für Außenstehende wohl zweifelhaft vergnüglich anmutendes Schauspiel wienerischer Grabesseligkeit, mit all den Blumenständen, Würstelbuden und Maronibratern vor seinen Toren.

Eine Liste der Ehrengräber und anderen berühmten Beerdigten gibt es hier.

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