Marilyn Manson (20.11.2017)

Nachdem wir brav in einer endlos scheinenden Schlange in winterlicher Kälte bei leichtem Nieselregen gewartet hatten, ging es endlich rein in die mehr oder weniger heiligen Hallen des Gasometers. Wobei … „antichristliche Hallen“ trifft es in diesem Fall vielleicht etwas besser, wenngleich sich die – ungewohnt saubere – Location neutral zeigte. Neutral war auch das Publikum, das sich aus Menschen (beinahe) jeden Alters und jeder erdenklichen Szene zusammensetzte. Mit anderen Worten: enttäuschend viele Leute hatten sich sichtlich keine Mühe mit ihrem Outfit gemacht, wirkten „normal“. „Normal“ – ein Adjektiv, das auch nach so vielen Jahren aktivste Medienpräsenz nicht auf den Künstler zutrifft. Ich bin mir nicht sicher, ob es traurig ist, dass jemand, der auf Teufel komm raus aneckt, offensichtlich ein Publikum anspricht, das diese Werte zumindest nach außen hin nicht mal ansatzweise vertritt.

Wir ergatterten einen Platz im hinteren ersten Drittel vor der Bühne, platzierten uns mittig und waren überrascht, dass der Boden nicht klebte. Nicht mal ein bisschen. Doch das würde sich im Laufe des Abends mit Sicherheit noch ändern. Schnell füllten sich die Reihen, bald wurde es eng. So eng, dass ich später die unfreiwillige Erfahrung machte, dass Dreads auf nackter Haut unheimlich kratzig sind, bevor ich – im Laufe des Konzerts – von einem Moshpit verdrängt wurde und nach Luft ringend nach „hinten“ floh. Aber ich greife vor!

Erstmal galt es, die Vorband zu erleben. Beziehungsweise in diesem Fall zu überstehen … Amazonica – das klingt doch vielversprechend, das könnte eine Frauen-Metal-Band sein, oder? Falsch gedacht! Und ja, das DJ-Pult hätte wohl Hinweis und Warnung zugleich sein können. Amazonica ist eine DJane. Also nicht gerade das, was man als Konzertbesucher erwartet. An dieser Stelle möchte ich nicht die Gilde der DJs beleidigen. Selbstredend gehört zu einem guten Auftritt deutlich mehr dazu, als ein paar mp3s auszuwählen und den „Start“-Knopf zu drücken. Was aber definitiv auch dazugehört, ist ein Gespür für das Publikum. Hatte Amazonica das? Das mag jeder für sich selbst beantworten: Es dauerte zehn Minuten, bis sie einen Song auflegte, den alle mochten und dies auch entsprechend bekundeten. Amazonica gelang es, Smells Like Teen Spirit total zu verhunzen und brach das Lied danach frühzeitig ab. Ungefähr im fünf-Minuten-Takt fand sie immer wieder vereinzelt einen Song, der zumindest „in Ordnung“ war. Dann passierte immer dasselbe: Lieder durch Verfremdung völlig zerstört, abgebrochen – um nicht zu sagen, geschändet, vergewaltigt und dann in der Ecke zum Sterben liegen gelassen. Nach einer sehr langen halben Stunde war diese Tortur vorbei. Verhaltener, höflicher Beifall. Um doch noch etwas Positives hervorzuheben: Amazonica sah hübsch aus.

Es folgte ein längeres Warten im Gedränge der Menge. Die Luft wurde immer stickiger. Jemand rauchte. Jemand kiffte. Die Luft wurde noch stickiger. Hinter dem schwarzen Vorhang wurden die Kulissen für Marilyn Manson aufgebaut. Mit circa zwanzigminütiger Verspätung lüftete sich der Vorhang und die Show begann. Manson saß auf einem thronartigen mechanischen Rollstuhl, der mittels Joystick bewegt und in eine aufrechte Position gebracht werden konnte. So wurde sein Gipsbein eindrucksvoll integriert. Der Opener war Revelation #12 aus dem neuen Album Heaven Upside Down, das mein Herz nicht erreicht hat. Das letzte für meinen Geschmack hörbare Album, The Golden Age of Grotesque, liegt nun auch schon einige Jahre zurück. Das unvergleichliche Antichrist Superstar bleibt das beste Album von Marilyn Manson, was insofern problematisch ist, als dass es die zweite Veröffentlichung war. Es gehört wohl zur Tragik, dass die damals gesetzte Messlatte nicht mehr erreicht werden konnte.

Selbstredend hielt es Manson nicht lange auf dem Stuhl aus und wankte leicht angeschlagen immer wieder auf der Bühne umher, wechselte Outfits (oder besser: ließ wechseln), schmiss den Mikrophonständer mehrmals um. Leider nicht eines jener Modelle, die sich von selbst wieder aufstellen. Dies übernahm dann eben einer der als Krankenpfleger verkleideten Roadies. This Is The New Shit, Disposable Teens, mOBSCENE – das Publikum tobte. Kill4me, Deep Six – das Publikum raste. Klar, auch wenn er die Drogen nicht mag, mögen sie ihn. Aus dem Schlachtruf „I don’t like the drugs (but the drugs like me)“ wurde nicht das gleichnamige Lied, sondern The Dope Show. und schließlich Sweet Dreams – das Publikum flippte aus, schrie aus voller Kehle inbrünstig mit, woraus süße Träume gemacht sind. Tourniquet – mein Favorit des Abends – kam vergleichsweise bei der Masse schlechter an. We Know Where You Fucking Live, Say10 mit dem krönenden Abschluss The Beautiful People. Zugabe! Zugabe? Ja: Coma White, Manson vor weißen Blumen. Nach einer eineinhalbstündigen Performance das Ende: abrupt und grußlos.

Eine routinierte, professionelle Show. Keine Glanzleistung, aber sicher auch nicht als schlecht zu bezeichnen. Na klar. Als mein Bruder Marilyn Manson 1998 live in Wien erlebte, war das noch eine andere Zeit, waren wir alle zwanzig Jahre jünger, agiler, unberechenbarer. Legendäre Geschichten, die die Ewigkeit überdauern werden.

Es ist in Ordnung, dass an diesem Abend nichts „Legendäres“ passierte. Wirklich nichts? Nun, vielleicht etwas, das vielleicht schon viel früher passieren hätte können, und ich habe den Song in meiner Liste bewusst aufgespart. Manson sang ein Lied von seinem Namengeber Charles Manson, der am Vortag in hohem Alter verstorben war. Scheiß drauf, dass ihm sein Roadie den Text vor die Nase hielt. Die Performance von Sick City war prima und einmalig mit absoluter Gänsehaut-Garantie. „I won’t say if that’s good or bad“, kündigt Manson das Lied an und lässt die Performance für sich sprechen. Ein besonderer Moment für die Ewigkeit.

Alle Fotos stammen von Martina W. Danke für das Bereitstellen und mich-Mitnehmen 😉

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