Die KAMMER (12.03.2016)

Die KAMMER schlägt mit Sophie’s Circus nun auch in Wien ihre Zelte auf und verwandelt eine unscheinbare Lokalität in den Bögen der berüchtigtsten aller Wiener U-Bahnen in einen glanzvollen Ort. Während in den Clubräumen Fußballfans vor den Fernsehbildschirmen ihrem Team entgegenfiebern, geben sich im Konzertraum Die acht KAMMER-Musiker die Ehre. Sie vereinen Schlagzeug, Bass und Gitarre mit Cello, Viola, Violine und Tuba. Und das war nur ein Auszug der tatsächlich live gespielten Instrumente …

Wer bereits von den Studioaufnahmen begeistert war, und nicht gedacht hätte, dass irgendetwas das aktuelle Album Solace in Insanity toppen könnte, wird innerhalb kürzester Zeit eines besseren belehrt: Die Bühnenpräsenz der KAMMER ist unbeschreiblich. Zwei Stunden lang spielen und singen sich die Vollblutmusiker auf höchstem Niveau die Seele aus dem Leib. Da macht es auch nichts, wenn zwischendurch der Text vergessen und ein wenig improvisiert wird – im Gegenteil. Das ist genau das, was einen Live-Auftritt ausmacht: er ist echt. Es sind diese authentischen Momente, die in Erinnerung bleiben. Ich für meinen Teil möchte keine mehr oder weniger synchronen Lippenbewegungen zu stereotypem Gesang vom Band sehen – sondern eine echte, ehrliche Performance. Das sind diese Momente, in denen ich froh bin, „diese Art“ von Musik zu hören – und zu leben.

Nun, was ist „diese Art“ von Musik? Das ist gerade bei die KAMMER schwer zu beschreiben. Dunkel, düster, gruftig klingen sie. Nachdenklich, traurig, gleichzeitig hoffnungsfroh und lebensbejahend. Eben anders, ohne krampfhaft anders sein zu wollen. Das macht sie so besonders . Die KAMMER ist eine der Bands, die mich tief berührt hat – und es immer noch tut. Es ist für mich schwer nachzuvollziehen, dass für viele der Zugang zu der Band schwierig zu sein scheint. Das schlägt sich auch im Publikum nieder. Wenn ich mich umsehe, bin ich mir nicht sicher, ob das dunkelbunt gemischte Publikum sich nur aus Fans zusammensetzt, oder sich auch einige der Chelsea-Fußballleute hierhin verirrt haben. Falls ja, scheint es ein glücklicher Irrtum gewesen zu sein: es gefällt ihnen und so lassen sich die unterschiedlichsten Altersgruppen genreübergreifend von der von der Bühne ausgehenden Energie mitreißen. Hardcore-Fans schwenken im Laufe des Abends ihre Beile, von denen ich zumindest hoffe, dass diese aus Plastik sind, und zwischendrin schnappt sich die wohl coolste Großmutter der Welt ihre Enkeltochter und zeigt ihr bei den Klängen von The Galant Enticer’s Tango einige Tango-Schritte.

Nach einigen mitreißenden Songs aus dem gesamten KAMMER-Repertoire folgen einige ruhigere Stücke. Eine junge Frau begibt sich überraschend auf die Bühne – es ist Johanna von Delva, die die KAMMER während ihrer Deutschland-Tournee begleitete. Mit ihrer glasklaren Stimme ergänzt sie Maxens sonoren Gesang perfekt. Einige Balladen später kommt wieder mehr Action auf die Bühne. Im letzten Drittel des Konzerts dreht Fronter Max nochmal richtig auf. Hüpft, springt, singt – verdammt, wo nimmt der Mann die ganze Energie her? Uns schmerzen schon die Füße vom Stehen und er wirkt so frisch, als wäre er gerade aufgestanden und hätte einen Kübel Kaffee intus.

Nach zwei (!) Stunden voller mitgelebter Emotionen  verlassen die Musiker die Bühne. Gründungsmitglied, Gitarrist und das-würde-nun-zu-weit-führen-alles-aufzuzählen Matze rast zum Merch-Stand, während Max ein wenig von enthusiastischen Händeschüttlern – wozu auch wir uns zählen – aufgehalten wird, bis er nach draußen spurtet, um irgendwas mit dem Tourbus zu machen. Von dem Abend bezaubert, inspiriert – und auch Tage später immer noch begeistert – verlassen auch wir die Lokalität und nehmen neben den beschriebenen Eindrücken auch die Erkenntnis mit, dass ein simples „la la la“ diabolisch, ohrenschmeichelnd und berührend zugleich wirken kann. Dass der Balkan am Rennweg anfängt, haben wir als Wiener sowieso schon immer gewusst.

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