Ausgelitten

Komm, großer schwarzer Vogel, komm zu mir!
Spann‘ deine weiten, sanften Flügel aus
und leg’s auf meine Fieberaugen.
Bitte, hol‘ mich weg von da. 

 (Ludwig Hirsch)

Jetzt bist du erlöst. Wir wussten, dass es „irgendwann“ passiert. Zu realisieren, dass du nie mehr anrufen wirst, nie mehr dein sms-Geräusch zu hören sein wird, ich keine E-Mail mehr von dir erhalten werde und ich nie mehr die Möglichkeit habe, dich zu sehen, hören, umarmen oder zu sprechen, treibt mir die Tränen in die Augen.

Es hätte noch so viel zu klären gegeben. Wie konnte es passieren, dass wir nicht alles aussprechen konnten? Nicht alles besprechen konnten? Immer auf später verschoben, haben wir auch bei unserem letzten Besuch im Krankenhaus sechs Wochen vor deinem Tod nichts Wichtiges besprochen. Nichts von Bedeutung. Wo willst du begraben werden? Was passiert mit deinen Sachen? … Durch deine Passwörter-Liste habe ich mich größtenteils gekämpft. Doch du wolltest mir noch alles erklären und bist immer davon ausgegangen, dass du nochmal nach Hause kannst, wir dich dort besuchen und alles klären können. Zwar warst du ein paar Tage daheim, aber wie schlecht es dir da ging, hast du bewusst von uns ferngehalten. Jede Woche fragte ich dich, ob wir dich am Wochenende besuchen sollten. Du hast immer abgelehnt. Wolltest nicht, dass wir sehen, wie dich der Krebs in so kurzer Zeit aufgefressen hat. Wolltest, dass wir dich so in Erinnerung behalten, wie du warst. Voller Lebenskraft.

Im Wissen, dass die Zeit davonläuft, beschlossen wir dann, dich das darauffolgende – dieses – Wochenende zu besuchen. Komme was wolle. Ob du willst oder nicht. Gar nicht erst groß fragen. Ich habe mir sogar einen Tag freigenommen. Zwei Tage nach unserem letzten Telefonat bei dem du – was dir bestimmt nicht leicht gefallen ist – wiedermal einen Besuch abgelehnt hattest, kam die Nachricht, dass es dir rapide schlechter ging. Wir sollten schon eine Woche früher kommen. Von diesem geplanten Besuch hat man dir noch erzählen können. Du sollst dich gefreut haben. Am nächsten Tag – einen Tag vor dem bereits organisierten Treffen – bist du nach einer schlimmen Nacht nicht mehr aufgewacht. Ich weiß nicht, ob es für uns besser ist, dass wir dich nicht mehr so abgemagert, ausgelaugt und zerstört gesehen haben. Aber muss es für dich nicht schwer gewesen sein, immer abzusagen? Hättest du uns nicht doch gern gesehen? Es tut mir so leid, dass wir uns nicht über deinen Kopf hinweggesetzt haben und einfach schon vorher gekommen sind. Und jetzt ist es zu spät.

Statistisch, das hast du vor etwa drei Jahren erzählt, lebt ein Krebskranker nach seiner Diagnose durchschnittlich  fünf Jahre. Drei Jahre und fünf Monate nach deiner Krebsdiagnose hatten sich innerhalb von nur zwei Monaten überall in deinem Körper Metastasen gebildet. Sechs Wochen nach diesem endgültigen Todesurteil wurde es vollstreckt. Und es ging dann doch alles so schnell. Oder auch nicht, wenn man bedenkt, wie lange du schmerzgeplagt vegetieren musstest. Dass du dich schon gefragt hattest, was du Schlimmes in deinem Leben angestellt hättest, wofür du büßen müsstest. Bei unserem letzten Besuch hast du gesagt, dass du viele falsche Entscheidungen getroffen hast. Aber wer hat das nicht? Niemand handelt immer richtig. In meinen Augen hat es niemand verdient, auf diese Art und Weise zu sterben. Ich kann mir kaum eine schlimmere, grausamere vorstellen. Ein langsames Dahinsiechen. Der Krebs nimmt dir alles und bereitet dir Schmerzen, die man nicht zu erahnen wagt, schwächt deinen Körper, zehrt ihn aus und zerstört ihn. Die Schmerzmittel und anderen Medikamente geben dir den Rest und sorgen dafür, dass du als Sterbender nicht mehr der Mensch bist, der du warst.  Tieren gewährt man Gnade, während der Mensch bis zuletzt elendiglich zu Grunde gehen muss, bis er endlich gehen darf.

Ich weiß nicht, was dich so lange hat am Leben klammern lassen. Ist es das Unausgesprochene, das dir keine Ruhe ließ? Hat das deine Panikattacken ausgelöst? Ich bilde mir gerne ein, dass der Gedanke, dass wir dich „morgen“ besuchen kommen, so beruhigt hat, dass du endlich loslassen konntest.

Jetzt, acht Tage nach deinem Tod, fällt es mir immer noch schwer, von dir im Perfekt zu sprechen. Du hinterlässt neben einer Lücke, deren Ausmaß sich mir erst nach und nach erschließt, noch so viele offene Fragen. So können wir nur hoffen, dass wir in deinem Sinn handeln und dich nach Hause in dein geliebtes Wien holen. Ich merke, dass alles von dir wertvoll geworden ist: Jeder geschriebene Zettel ein Garant für ein Stück Erinnerung, jedes Geschenk von dir von höchstem Wert, jedes Foto ein kostbarer Beweis für deine Existenz. Ich bin froh, dass ich dir in der letzten Zeit immer wieder gesagt oder geschrieben habe, dass ich dich lieb habe. Letztlich ist es doch ein Trost, dass du jetzt ausgelitten hast. Aber ich vermisse dich.

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