Gedanken zur akademischen Abschlussfeier

Nun liegt meine akademische Abschlussfeier schon eine Woche zurück. Lassen wir das Ereignis revue passieren:

Kurz nach elf erreichten wir den großen Festsaal der Hauptuni (wo auch sonst? – Immerhin beherbergt dieses Gebäude nur die guten Studienrichtungen wie Germanistik oder Geschichte. Zugegeben, auch die Theologen verfügen über ein paar Hörsäle mit verstörend großen gekreuzigten Jesusapplikationen an der Wand und man munkelt, dass irgendwo die braven Lateiner versteckt und die hauptsächlich black-metallisch wirkenden Skandinavisten ihr Unwesen treiben sollen – aber alles Unnötige ist ausgelagert). Hier waren bereits zwei Reihen reserviert, doch auf der anderen Seite fanden wir drei schöne Plätze, die wir mit rosa (!) Zettelchen in Beschlag nahmen. Anschließend gab es ein Einzelfotoshooting mit Pseudozeugnisrolle vor wirkungsvollem Hintergrund. Der Fotograf ist erst seit Oktober für die Abschlussfotos verantwortlich und verdient sich mit sieben Euro pro Bildabzug vermutlich eine goldene Nase. Dass ausgerechnet ein Fotograf mit Firmensitz in Salzburg diesen lukrativen Auftrag ergatterte, muss wohl daran liegen, dass es in Wien keine guten Fotografen gibt und hat gewiss nichts mit Beziehungen zu tun … Oder?

Um 11:30 hätte der Ablauf der feierlichen Prozedur erklärt werden sollen, doch erst fünf Minuten später beehrte die letzte Hippie-Absolventin uns mit ihrer blumigen Anwesenheit. Da sie erst jetzt die Formalitäten, wie das Posieren für den Fotografen, über sich ergehen lassen musste, brachte sie die Planung durcheinander. Danke. Nachdem uns der Ablauf dann doch minutiös eingeschärft und für uns Studenten mittels visueller Hilfe in Form eines kleinen Bildes beinahe narrensicher erklärt wurde, durften wir uns um 11:50 fünf Minuten lang unters Volk mischen. Eine gute Gelegenheit, meine Handtasche (es hieß, man solle einen Ausweis mitbringen, nachdem allerdings niemand fragte. Eigentlich hätte sich jeder als mich ausgeben können) im vertrauten Publikum abzugeben und mich mit einem Schluck Wasser von meiner fürsorglichen Mutter zu stärken. Ich war übrigens die einzige Absolventin unter 40, der man die Jahreszeit an der Kleidung ansah: Alle anderen trugen luftige Sommerkleider und froren munter im Gang, während wir ab 11:55 in selbigem, puppenartig drappiert, auf den Dekan alias Dr. Meyer und seinen Gehilfen Dr. Eybl – glücklicherweise beides Germanisten – warteten. Zehn Minuten später kamen sie aus einem geheimen Raum in ihrer lustigen Verkleidung – äääh ehrwürdigen Robe – und drängten sich in die Mitte des Bildes.

Schließlich wurden wir nach Studienabschlussart und umgekehrter alphabetischer Reihenfolge arrangiert. Glücklicherweise gab es einige Bachelor-Absolventen, die vor den Masterstudiengängen schritten, sodass ich entgegen aller Befürchtungen nicht als erste den ehrwürdigen Gang durch den Festsaal vollziehen musste. Als der aus allen Nähten platzende riesige Saal bei unserem feierlichen um 12:15 (so viel zu „pünktlich um 12“) beginnenden Einzug von begeistertem Klatschen erfüllt wurde, hätten einem sentimentalen Gemüt die Tränen kommen können. Halbkreisförmig stellte man uns vor der Kanzel ab, wo einige einführende Worte gesprochen wurden, bevor jeder Absolvent das Podest betrat, seinen Namen, die Studienrichtung und den Titel der Abschlussarbeit bekanntgab und in festgelegter Sitzordnung seitlich Platz nahm.

Laut Zeugenaussagen blamierte ich mich nicht, da ich lediglich den Kurztitel meiner Arbeit herausbrachte – immerhin ist mein Name schon lang genug. Alle anderen schienen das Rampenlicht zu genießen, posierten hingebungsvoll für den Fotografen und stammelten ihre unverschämt langen Titel aufs Komma genau. Erschreckend viele Theaterwissenschaftler (die hat die Welt gebraucht), merkwürdige andere „Wissenschaftler“ und kaum Germanisten befanden sich unter den Absolventen. Nur einem schien der Titel der eigenen Arbeit für einen Moment zu entfallen, worauf ein auflockerndes Lachen den Saal erfüllte. Auch wir waren erleichtert – denn wir wussten, dass dies jedem von uns hätte passieren können.

Es folgten erneut feierliche Worte des Dekans. Wer ihn aus seinen ÄdL-Vorlesungen kennt, weiß, dass er ein amüsanter Redner ist. Rhetorisch vielleicht weniger geschickt fielen die Worte „eigentlich hätte ich jetzt etwas ganz anderes sagen wollen“ in regelmäßigen Abständen, was der Rede einen besonderen Charme verlieh. Dem rechts daneben stehenden Dr. Eybl gelang es, während der gesamten Feier ein außergewöhnlich merkwürdiges Grinsen aufzusetzen, wobei die Interpretationsmöglichkeiten schier endlos sind. Ich habe während meines gesamten Studiums genau drei (Pflicht-)Seminare im NdL-Bereich (das ist sein Metier) gemacht, weswegen ich ihn nur vom Hörensagen kenne und er zum ersten Mal live vor mir stand. Somit entsage ich mich jeglichen Spekulationen.

Mehrmals mussten wir uns von unseren Plätzen erheben und nach vorne schreiten. Zunächst wegen dem ganz besonders feierlichen, etwas verstauben „Zepterschwur“, mit dem man sich durch die Worte „Ich schwöre“ und einstudiertem Blick auf den Dekan zu Seltsamem verpflichtet. U. a. soll man nur um des Forschens willen forschen und nicht aufgrund finanzieller Anreize. Klar. (Zugegeben: Uns Germanisten und Theaterwissenschaftler wird wohl in den wenigsten Fällen das Geld nachgeworfen werden) Das zweite Mal erfolgte die Zeugnisübergabe und ein Händeschütteln mit dem Dekan und Gehilfen (ich merke mir die korrekte Bezeichnung einfach nicht …).

Die Feier wurde von einem Streichquartett begleitet, das dann und wann aufspielte. Mitsing-Möglichkeiten beim „Gaudeamus igitur“, der Bundes- und schließlich auch Europahymne. Leider gab es keinen Vorsänger, der das Publikum zum Singen animieren hätte können. Zwar forderten die Herrn Doktoren auf der Kanzel die Leute halbherzig zum Singen auf, schwiegen sich aber selbst eisern aus. Außerdem, so haben inoffizielle Umfragen nach der Feier ergeben, kennt kein Mensch den Text der Europahymne.

Als abschließend großer Jubel im Publikum ausbrach, dachte ich wehmütig an alle, die nicht kommen konnten. Dass meine Freunde nicht kamen, war größtenteils meine Schuld. – Ich hatte sie nicht rechtzeitig eingeladen. Aber an meine Familie hatte ich gedacht. Da die meisten arbeiten mussten und sich auch aufgrund von Krankheitsfällen etc. nicht freinehmen konnten, saßen für mich exakt drei Personen im würdevollen Saal. Selbstverständlich soll dies die Freude über die Anwesenheit dieser Drei nicht schmälern.

Epilog: Die Würdenträger verließen trippelnd den Saal und die akademische Abschlussfeier wurde beendet. Familie und Freunde strömten zu den Absolventen nach vorne. 

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